Ich war vor kurzem im Kino. Star Wars. Ursprünglich wollte ich mit Freunden hin. Es kam aber anders und ich entschloss mich dazu dem Spektakel allein zu frönen. Bis zu diesem Zeitpunkt war die Welt noch in Ordnung. Der Vorfreude auf ein geteiltes Erlebnis, war eine Mischung aus Ungeduld und dem Bedürfnis nach einem entspannenden Filmabend zuvorgekommen.

An dieser Stelle sollte ich vielleicht erwähnen, dass ich ein Freund der kleinen Kinos bin. Klein und im charmantesten Fall mit einer Bar verbunden. Abgewetzte, schwere Kinosessel in einem rot, das mindestens ebenso tief ist, wie die Sitzmulden, die sich – Arschbacke um Arschbacke – seit Jahrzehnten in die Polsterungen eingegraben haben. Mensch trifft sich im Vorraum, holt sich die Karte. Vielleicht Popcorn. Ein Bier. Nach kurzem Plaudern ist es dann soweit. Die Pforten öffnen sich und ein kleines, menschliches Knäuel entwirrt sich hin zu den Plätzen. Der Film beginnt. Die Leinwand – nur unmerklich größer als das neue Heimkinosystem im Media Markt – wirkt sogar in diesem kleinen Saal irgendwie verloren. Die Dialoge – oder in diesem Fall die zischenden Laser – werden von einem leisen Knarschen untermalt. Dolby Surround ist hier nur das Raschelgeräusch der Popcorntüten. Und doch … ein Erlebnis der besonderen Art. Gewiss ist mein Blick getrübt durch die romantisierenden Schwaden der Erinnerung. Durch die Sozialisation am Land, wo  es – in einiger Entfernung – nur ein kleines Dorfkino gab: den Prägestempel meines damals verinnerlichten Idealtypus. Und doch … oder gerade deswegen … Benchmark eines gelungenen Kinoabends.

Nun war ich vor kurzem – wie gesagt – aber im Kino und mein schmuddeliger Idealtypus fällt nicht in das bevorzugte Paarungsmuster aktueller Blockbuster. Darum entschied ich mich für ein Cineplexx: die Leinwand so groß, dass sie nur in gebogener Form in die riesige Halle passt. Die Charaktere emanzipierten sich von dieser zweidimensionalen Enge. Ihre Laserschwerter durchschnitten den Raum zwischen mir und meinen Sitznachbar*innen und das Geräuschspektakel, das einen von allen Seiten her umgab, zog einen direkt in die Mitte des Geschehens. Selbst mein romantisiert verklärender Blick erkannte ohne einmal zu blinzeln: ein Erlebnis der besonderen Art. Doch die eigentliche Geschichte beginnt früher … weiter draußen. In der Mall.

Die Kinolandschaft erstreckt sich hier über den zweiten und den dritten Stock. Zwei, scheinbar freischwebende Plattformen. Verbunden durch Rolltreppen und Stiegen. Das Gewusel der Kinogänger*innen ist von der Seite her einsehbar. Der Auflauf der Menge, die Hektik, die hier in der Luft liegt, zieht einen förmlich hin zur Kassa. Im Unterbewusstsein wächst der Gedanke zur Gewissheit, dass es hier wohl etwas Spektakuläres zu erleben gibt.

Für jene deren Magen knurrt, findet sich im unteren Stock eine Fastfoodlandschaft. Ein großer Sitzkreis mit Tischen umgeben von einer Agglomeration unterschiedlichster Küchen. Egal auf wen die Wahl fällt, alles heiß und fettig; alles schnell. Das ist auch gut so. Denn, wem so wie mir, in der Abendplanung der Umstand entgangen ist, dass der Weg zum Saal in Kinokomplexen der Check-in-Tortur internationaler Flughäfen gleichkommt, dem fehlt die Zeit zu warten. Um ehrlich zu sein, wohl auch die Zeit zu essen. Hier wird geschlungen. Den letzten Bissen Burger noch im Mund, kämpfte auch ich gedanklich schon damit mich bis zum Boden meines 0,75l-Cola durchzuschlürfen. Eine Herausforderung, die in so kurzer Zeit kaum zu meistern ist. Der Habitus des konsumorientierten Drückebergers flüsterte mir aber rechtzeitig die Lösung ins Ohr und mein halb voller Becher wanderte zielsicher in den Müll, bevor ich mich von den Rolltreppen näher an mein Ziel herantragen ließ.

Noch 20 Minuten bis die Leinwand fallen sollte. Ob ich gut in der Zeit lag, konnte ich aus mangelnder Erfahrung nur schwer bestimmen. Vor mir lagen noch vier Warteschlangen. Eigentlich fünf. Aber den Weg zur Toilette wollte ich mir sparen. Eine erste Rationalisierungsmaßnahme. Zeitkosten in die Zukunft verlagern. Zeiterträge durch sanftes Drängeln in der Gegenwart akkumulieren. Ein bis zwei Warteschlangenplätze. Jeweils. In Summe waren das, nach meiner Rechnung, etwa  fünf bis acht. Umgerechnet vielleicht zehn Minuten. Das war die Strategie. Ja, ich liege gut in der Zeit, dachte ich mir. Warteschlange eins: Ticket lösen. Geschafft. Warteschlange zwei. Die erste Stufe des Check-in. Hier gelten nicht nur die am Flughafen üblichen Flüssigkeitsbeschränkungen. Verschärft werden auch Nahrungsmittel konfisziert. Die Angst vor Terror spielt bei dieser Restriktion freilich weniger eine Rolle. Eher die Angst vor mangelndem Konsum. Mein Ess- und Trinkvergnügen Exklusivmarkt der Kinobetreiber*innen. Nicht nur das Soundsystem kreischt hier schrill nach Amortisation. Wer weiß, vielleicht sind diese beiden Motivatoren am Ende doch gar nicht so verschieden. In der Ferne glaubte ich, mit zugekniffenen Augen, jedenfalls einen Berührungspunkt zu erkennen. Konsum und Terror. Hand in Hand.

Am Ende von Checkpoint zwei entwirrte sich das Menschenknäuel. Auch hier. Nur um sich zu dividieren und auf kleinerer Stufe neu zu aggregieren. Warteschlange drei: Popcorn und Bier. Langsam zweifelte ich an der Genauigkeit meiner zeitlichen Analyse. Mein Modell hatte Raum als Behälter gedacht. Eine statische Schlange. Ein Hindernis, das es allein von mir zu überwinden galt. Anstatt pro Schlange ein bis zwei Plätze zu gewinnen, fiel ich zurück und die Uhr tickte. Auf das überteuerte Popcorn verzichten? Beinahe unvorstellbar. Ich wurde nervös, ärgerte mich. Und überhaupt. Mein Körper – im Gewusel mit den anderen – trug bei zu dieser Atmosphäre. Zu dieser Mischung aus Hektik, (An-)Spannung und Aufbruch. Mit den anderen war ich das Magnet, das Unentschlossene anzieht, das sie darüber hinwegsehen lässt, wie eine Herde im stolpernden Gleichschritt von Kontrollpunkt zu Kontrollpunkt gelotst zu werden. Die Belohnung meines Beitrags? Das Kinoerlebnis. Der Profit bleibt beim Unternehmen. Euphemisten nennen das Basis für Investition und Innovation. Ich: individuelle Bereicherung an individuell-kollektiver Interaktion. Kultur als Geschäft. Kulturindustrie.

Nachdem ich die letzte Schlange überwunden hatte, ließ ich mich in den gepolsterten, muldenlosen Sessel fallen. Anders als in den kleinen Kinos meiner verklärten Erinnerung, breitete sich die Entspannung hier nicht von meinem Kopf über meinen Körper aus. Die Richtung hier schien geradezu gegensätzlich. Schrittweise entkrampften sich meine Arschbacken. Von dort ausgehend schmiegte sich die Entspannung an meine Beine und Füße, rankte sich hinauf und umhüllte meine Schultern. Bis sie meinen Kopf erreichte, war der Film schon fast vorbei. Ich genoss die letzten Minuten der Handlung. Während des Abspanns stand ich auf und schlich mich aus dem Saal hinaus; das sterile Stiegenhaus nach unten zur Haupthalle hin. Vorbei am Popcornstand und am Kontrolleur. Vorbei an der Fastfoodmeile. Rein in die U-bahn. Heim und ab ins Bett. Eigentlich ein erfolgreicher Abend. Was blieb, war ein leicht fahler Beigeschmack. Ähnlich, wie wenn man zu oft hintereinander onaniert. Andererseits konnte ich mir mein Häufchen Regeneration erhaschen. Nicht zu viel. Gerade genug, um meine Arbeitskraft montags wieder einbringen zu können. Freizeit im Zeitalter des gelenkten Konsums. Aber das ist wohl eine andere Geschichte.

By |2019-11-16T20:16:29+01:00März 13th, 2016|Randnotizen|0 Comments

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